Grenzlandgrün       

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Dienstag, 24. September 2019

Systemrelevant – „Rettet die Bienen und Feldlerchen“

114 Euro von jedem EU-Bürger, aber kaum Geld für den Schutz von Insekten?“ fragte Anfang 2019 der NABU-Naturschutzbund und forderte eine neue Agrarpolitik (#FutureofCAP). Zum Vogel des Jahres 2019 kürte er zum zweiten Mal die Feldlerche. Schon 1998 hatten die Naturschützer*innen davor gewarnt, dass der Charaktervogel der Felder immer seltener wird. Seitdem ist mehr als jede vierte Feldlerche aus dem Brutbestand in Deutschland verschwunden, wie der Göttinger Ornithologe Manuel Püttmanns im Februar 2019 in zwei Veranstaltungen der Kreisvolkshochschule Viersen und des NABU Willich eindringlich schilderte. Am 20. Mai 2018 riefen die Vereinten Nationen erstmals den Weltbienentag aus. Denn der Schwund der Wildbienen und vieler Insekten ist dramatisch. Nicht alle Gründe für den Rückgang der Feldlerchen oder Wildbienen sind erforscht und belegt. Aber die Wissenschaftler*innen sind sich einig: eine wesentliche Ursache ist die Ausdehnung der industriellen und intensiven Landwirtschaft. Andere Ursachen: unser Einkaufsverhalten, das betriebswirtschaftliche Denken, unsere Naturvergessenheit oder der Boom der angeblich pflegeleichten Schottergärten. Doch es gibt Alternativen.

 „Machen und lernen“ 

„Machen und lernen“  - das war eine Devise für den Brachter Landwirten Willi Steffens, als er spontan sein Projekt „Bee together“ ins Leben rief.  Steffens: „Mein Spezialgebiet ist die Schweinehaltung auf Stroh. Dabei arbeite ich eng mit regionalen Vermarktern zusammmen“. Motto des von Steffens bewirtschafteten „Pötterhofs“: „Wo das Schwein noch Schwein sein darf“. Doch in den letzten Monaten hat der Landwirt viel dazu gelernt. Einer seiner wichtigsten Lehrer ist sein Freund und Berater, der Soester  Agrarprofessor Dr. Martin Ziron. Dessen Arbeitsschwerpunkt an der Fachhochschule Südwestfalen  ist die Nutztierhaltung.

v.l. Dr. Claudia Garrido, Heinz Tüffers, Wiebke Esmann, Willi Steffens

Das drittwichtigste Nutztier nach Rind und Schwein ist in Deutschland die Biene, denn ohne bestäubende Insekten sähe es sehr schlecht um die Nahrungsmittelproduktion aus. Doch die Nutzinsekten haben Probleme: Es gibt immer weniger naturnahe Flächen. Umweltgifte machen den Tieren zu schaffen. Die Nahrungsquellen, Nektar und Pollen werden knapp. Steffens: „Blühstreifenprogramme taugen nichts. Die Wildbienen, Schmetterlinge und Hummeln brauchen kompakte Flächen in der Größenordnung von 1.000 Quadratmetern.“ Und dazu sucht Steffens Bienenpaten. Für jeden Quadratmeter, den die Paten mit einem Euro unterstützen, „legt“ Steffens einen Quadratmeter drauf.  Die Liste der Pötterhof- Bienen-Paten wächst. Es summt und brummt auf Steffens` Agrarflächen. Sein Motto hat er mittlerweile ergänzt: „Wir geben den Bienen ein zu Hause.“  Steffens hat bereits Nachahmer gefunden. Zum Beispiel haben die Obstbauer Frank und Henrik Mertens aus Willich in diesem Jahr ein Hektar Land zu einer „Bienen-Wiese“ umgearbeitet, bevor sie dort eine Süßkirchen-Plantage anlegen. Auch der Krefelder Beerenhof Schroeder will mit blühenden Feldern Lebensraum für Wildbienen und Hummeln schaffen. Steffens rät: „Wer Bienenpatenschaften übernimmt, sollte kontrollieren, ob nicht nur irgendwelche Alibiflächen ausgewiesen werden.“  

Auslöser für Steffens' Aktion waren die Diskussionen rund um das bayerische Volksbegehren zur Artenvielfalt und Naturschönheit. Es hat unter der  Überschrift „Rettet die Bienen“ bundesweit Furore gemacht. Etliche Initiativen und Parteien haben es unterstützt. Fast 1,8 Millionen bayerische Bürgerinnen und Bürger unterschrieben.  

Am 17 Juli 2019 nahm der der bayerische Landtag das Volksbegehren an.  Rund 100 neue Regelungen für einen verbesserten Natur- und Artenschutz in Bayern traten am 1. August 2019 in Kraft.  Es geht um Biotopvernetzung, ökologische Grünflächengestaltung, Gewässerschutz, Randstreifen und Streuobstwiesen, Flächenverbrauch, Pestizideinsatz, Lichtverschmutzung oder Ökolandbau. CSU Ministerpräsident Dr. Markus Söder versprach, mit diesem gesetzgeberischen Startschuss  „ein neues Kapitel für einen Generationen- und Gesellschaftsvertrag für Natur, Artenschutz und Landwirtschaft“ .

 

„Bestäubung statt Honig“ 

©angieconscious-pixelio.de

Dr. Claudia Garrido betreibt „BeeSafe“. Sie betreibt Bienenforschung  und berät die Landwirtschaft zur Optimierung der Ökosystemdienstleitungen durch Bienen. Garrido sieht die Auswirkungen des bayerischen Volksbegehrens eher kritisch. Es habe einen Boom rund um die Honigbiene und die städtische Hobbyimkerei ausgelöst. Und dieser Boom kann sich auch auf die Ernährungslage wichtiger Bestäuber auswirken. „ Die Honigbiene ist nur eine von rund 570 in Deutschland verbreiteten Bienenarten – und für die Bestäubung bei weitem nicht die wichtigste.“ Größere Bedeutung für landwirtschaftliche Kulturen haben Schwebfliegen, Hummeln, Solitärbienen, Sandbienen oder Falter. Deren Bestäubung sichere Erträge, erhöhe die Qualität der Feldfrüchte und den Nährstoffgehalt in Obst und Gemüse. Besonders effektiv: „Vielfältige Bestäubergemeinschaften“. Bienen helfen Pflanzen bei Fortpflanzung. Garrido ironisch: „Der Anblick eines blühenden Apfelbaums wird so zur reinen Pornografie.“ Die Bestäubergemeinschaften sind in Europa unterschiedlich zusammengesetzt. Während man in Großbritannien nur 264 Wildbienenarten unterscheiden kann, sind es in Spanien, dem europäischen Rekordhalter, 1.110 Arten. Je kühler es wird, desto träger wird die beliebte Honigbiene. „Sie liebt Sonne und Temperaturen über 15 Grad.“ Rund 75% der landwirtschaftlichen Kulturen Europas seien auf Bestäubung angewiesen. „Es geht nicht nur um Bienchen, sondern um Ernährungssicherheit - bei Äpfeln oder Erdbeeren mehr als beim Raps.“ Der Mais brauche allerdings keine Insekten. Laut EU-Kommission ist der volkswirtschaftliche Wert der Insektenbestäubung mit rund 15 Milliarden Euro pro Jahr zu beziffern. Aus rein ökonomischer Perspektive ist der Biodiversitätsverlust aber ein Wachstumsmarkt für Bestäubungsdiensteistungen - von der Beratung, über die Imkerei bis zur Drohne.  In den USA findet Bestäubung meist nur noch dort statt, wo dafür bezahlt wird Experten schätzen , dass der Verlust an biologischer Vielfalt jährlich einen volkswirtschaftlichen Schaden von mehr als sechs Billionen Dollar anrichtet, was rund ein Zehntel des globalen Bruttoinlandsprodukts ausmacht. 

Gescheiterte Biodiversitätstrategien  

Die alte Erkenntnis, dass der wahre Reichtum der Menschheit in den Ressourcen der Erde liegt, ist immer noch nicht vollständig in die Volks- und Betriebswirtschaftslehre eingedrungen. Wissenschaftler*innen halten in den  Weltagrarberichten  den Weg der industriellen Landwirtschaft für eine globale Sackgasse.  Die Preisbildung lässt immer noch die ökologischen Faktoren weitgehend außer Acht.  Die „Bewahrung der Schöpfung“ bleibt bis heute ein politisches Lippenbekenntnis. Moderator Manfred Böttcher machte dies in einem Rückblick auf die globalen Umwelt- und Nachhaltigkeitskonferenzen seit 1972 deutlich. In der ökonomischen Betrachtung werden die Begriffe Fortschritt, Entwicklung, Zukunft oder Wachstum selten mit Artenvielfalt in Verbindung gebracht. Im Gegenteil: Naturschutz gilt auch heute noch als ökonomisches Entwicklungshemmnis. Daher haben selbst der europäische Fitness-Check für den Naturschutz oder monetäre Berechnungen der Ökosystemdienstleistungen das Scheitern der Biodiversitätsstrategien bis heute nicht verhindern können. Es gilt das Gesetz der kurzfristigen Rendite. Im Mai 2019 hat der Weltbiodiversitätsrat seinen globalen Bericht zum Zustand der Natur veröffentlicht. Er war noch alarmierender als die vorher erschienen Berichte.  Kommentar der Bundesumweltministerin: „Die Menschheit sägt an dem Ast, auf dem sie sitzt.“ Dies  gilt auch für die EU-Biodiversitätstrategie 2010 – 2020. Deren offizielle Halbzeitbilanz 2015 war schlecht. Der im Mai 2019 von  Birdlife herausgegebene „Progress report 2011 - 2018“ auch. Der Bericht fasste ebenso nüchtern wie erschreckend zusammen: „Die Umsetzung der EU-Biodiversitätsstrategie ist größtenteils gescheitert.“ – auch wenn in einzelnen Segmenten kleine Fortschritte zu verzeichnen sind.  

Agrarvogel im Sinkflug  

Manuel Püttmanns

Der Göttinger Ornithologe und Lerchenforscher Manuel Püttmanns stellt nüchtern fest:“ Fast jede dritte Wildpflanze in Deutschland ist gefährdet. 2016 haben wir rund 75% weniger Fluginsekten als 1989, 2010 gab es in der Europäischen Union 300 Millionen weniger Feldvögel als 1980. Eine Ursache: Die Gemeinsame Agrarpolitik der EU. Püttmanns: Ihre Ziele waren in der Vergangenheit, die Produktivität zu steigern und das Einkommen der Landwirte zu sichern. Folge: Intensivierung der Landwirtschaft, mehr Dünger, mehr Monokulturen, mehr Pestizide. Für die meisten Feldvögel wie die Feldlerche bleibt daher immer weniger Lebensraum. 

„Auch in Deutschland ist der Feldlerchenbestand im Sinkflug. "In den letzten 30 Jahren haben wir die Hälfte verloren. Die Feldlerche steht für den katastrophalen Zustand unserer Kulturlandschaft."  Feldlerchen brauchen die offene Agrarlandschaft mit Möglichkeiten, Nestanlagen für bis zu drei erfolgreichen Bruten pro Jahr anzulegen. Doch Intensivanbau, Grünlandumbruch oder Monokulturen entziehen den Feldlerchen Lebensraum, Nistmöglichkeiten und Nahrungsgrundlage. Püttmanns‘ Göttinger Forschungsprojekt zur Verbesserung der Lebensbedingungen für Feldlerchen zeigt erste Ergebnisse.Den Vögeln würde es helfen, einen vielfältigen Mix aus Sommer- und Winterfrüchten anzubauen, breite Brachen und Blühstreifen und  sog. Lerchenfenster anzulegen, einen höheren Schnitt und mindestens 46 Tage Abstand bei der Mahd zuzulassen und Stoppelfelder später zu bearbeiten, um so den Feldlerchen ganzjährig geeigneten Lebensraum zur Verfügung zu stellen.

Lerchenfenster © Industrieverband Agrar

Nächster Anlauf: GAP nach 2020  

Cross Compliance, progressive Modulation, Greening…Verbraucher*innen, die entschlüsseln wollen, was sie mit ihren – statistisch betrachteten - jeweils 114 Euro pro Jahr eigentlich für die europäische Landwirtschaft bezahlen, geben schnell auf. Die Details der Gemeinsamen Agrarpolitik bleiben für die meisten ein Buch mit sieben Siegeln. Selbst Dr. Claudia Garrido gesteht. „Ganz begriffen habe ich die GAP noch nicht.“ Willi Steffens ist eher amüsiert. „Die Brüssel-Gelder werden uns nach dem Gießkannenprinzip aufgestülpt. Wir Bauern nehmen mit, was wir können, aber insgesamt sind die Gelder eher was für die Verpächter von Agrarflächen.“ Die Bürokratie sei lächerlich. „Jede Fläche, die ich bewirtschafte, muss ich dokumentieren, aber für die Bienenflächen gibt es keinen Code.“ Eine der größten Unsicherheiten für ihn sei gewesen, welcher Mehrwertsteuersatz für „Bee together“ gelte.  

Für die Zeit nach 2020 schlage die EU-Kommission neun Ziele für die GAP vor, Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, Einkommen sichern, Nahrungsmittelsicherheit, Qualität und Tierwohl fördern, ländliche Entwicklung dynamisch gestalten, Generationswechsel unterstützen, Klima schützen, Landschaft und Biodiversität erhalten.  

Die Agrarpolitik der EU besteht auch zukünftig aus zwei Säulen. Die erste umfasst Direktzahlungen an Landwirte vor allem in Form von Flächenprämien. Erforderlich dafür ist der Nachweis von Mindestanforderungen beim Umwelt- und Tierschutz. Mit einer Greening Prämie werden zudem Fruchtvielfalt, Erhalt von Dauergrünland oder der Nachweis ökologischer Vorrangflächen . Die zweite Säule steht in Verantwortung der EU-Mitgliedsstaaten und soll eine nachhaltige Landwirtschaft vor allem in strukturschwachen Regionen fördern. Die ländlichen Entwicklungsprogramme werden über die Bundesländer abgewickelt und bieten die Chance, durch mehrjährige Programme auch die Biodiversität zu fördern. Garrido: „Die zweite Säule soll allerdings nach 2020 stark gekürzt werden. Das mindert den Schnittbereich zwischen Lebensmittelsicherheit, Einkommen und Artenvielfalt. Die zweite Säule sollte eher gestärkt werden.“  

Das Spannungsfeld zwischen erster und zweiter Säule bleibt bestehen. Während es bei der einen um direkte Zahlungen und Kontrolle der Bewirtschaftung geht, geht es bei der anderen eher um strukturelle Maßnahmen für den ländlichen Raum.  

Kontroversen mit dem Publikum löst Dr. Garrido mit ihren Thesen zum integrierten Pflanzenschutz aus. Die zugelassenen Pestizide und Insektizide seien gut geprüft und daher bei Einhaltung der vorgeschriebenen Dosierung unbedenklich. Pestizidverbote seien eher kontraproduktiv, weil sie dazu führten dazu führten sich sicher zu fühlen. Das europaweite Freilandverbot für die so genannten Neonicotinoide Clothianidin, Thiametoxam und Imidacloprid habe für die Biodiversität und gegen das Bienensterben  nichts gebracht. Schon vorher hätten Freilandstudien keinen direkten Zusammenhang zwischen Neonicotinoide und Bienengesundheit nachweisen können. Biodiversität sei eher durch strukturelle Maßnahmen auf der Fläche – Gehölze, Gräser, Kräuter, Blumenwiesen, Grünland, Kräuter – zu erreichen als durch Verbote und Restriktionen beim Pflanzenschutz. Der Rückgang der Bienenpopulationen werde durch eine Reihe von komplexen Faktoren verursacht. Garridos „Es kommt darauf an“ konnte nicht alle Grenzlandgrün-Teilnehmenden überzeugen. Deren Zweifel an der Unabhängigkeit von Zulassungsverfahren und Agrarpolitik blieben bestehen.  

Willi Steffens bedauert, dass in der Landwirtschaft viel kleinbäuerliches Wissen verloren gegangen sei, aber ein Zurück zu den alten Strukturen ist für ihn keine Zukunftsoption. Er setzt auf spezialisierte Betriebe und sinnvolle Vernetzung. Ein „Demeter oder Bioland für alle“ kann er sich nicht vorstellen. Die betriebswirtschaftlich notwendigen Preise würden ganze soziale Schichten aus einer vernünftigen Ernährung ausschließen. Das ökologische Wissen sei vorhanden, aber die wirtschaftlichen Zwänge behinderten die Umsetzung: „Eigentlich müsste die Ökologie Vorrang haben.“  

Besonders Garridos Thesen zum Pflanzenschutz und Steffens‘ Zukunftsbild der Landwirtschaft lösten beim Grenzlandgrün-Abend Grundsatzfragen aus: Unterliegen Agrarbetriebe ausschließlich einer ökonomischen Logik mit Druck zu niedrigeren Preisen und industriellen Exportstrategien? Was ist mit den ökologischen und sozialen Kosten des landwirtschaftlichen Wachstums? Was passiert, wenn die Lebensmittelpreise die ökologische Wahrheit sagen? Welche Rolle spielt der Brüsseler Lobbyismus? Stimmt eigentlich der vorherrschende agrarökonomische Diskurs, der die kleinbäuerliche Landwirtschaft als Sackgasse darstellt? Welche Perspektiven haben Ökolandbau und solidarische Landwirtschaft? Und vor allem: Welche Rolle spielen wir Verbaucher*innen in dem System?  

Bei der Förderung der Biodiversität hatte Dr. Claudia Garrido drei Handlungsbenen unterschieden. Die dritte Ebene „Politik/Recht“ stößt offenbar schnell an Grenzen des globalisierten Wirtschaftssystems. Aber Fridays for Future oder die Klagen der Umwelthilfe zeigen: wir haben als Bürger*innen das Recht, ja die Pflicht, den Vollzug demokratisch beschlossener Umweltgesetze, der Öko-Strategien und Selbstverpflichtungen einzufordern und auch – wie jüngst der Kreis Viersener Landrat Dr. Andreas Coenen – auf die ökologischen Vollzugsdefizite hinzuweisen, die nicht zuletzt durch die Allianzen zwischen Landwirtschaft, Agrarindustrie und Landwirtschaftskammern entstehen. Wir können uns auf der zweiten Ebene in Communities oder Gemeinschaften von Produzenten und Konsumenten selbst organisieren. Die erste Ebene umfasst jeden Einzelnen in seiner Verantwortung für’s ganze. Unsere Macht als Einzelne*r mit dem Einkaufskorb oder Kassenbon eine Wende von einer industriell orientierten Bioökonomie hin zu einer ökosozialen Agrarkultur einzuleiten, ist begrenzt. Aber  wir können etwas zu tun,  was sich gut anfühlt, obwohl es sich betriebswirtschaftlich nicht rechnet oder für die Verbesserung der globalen Artenvielfalt auf den ersten Blick aussichtslos erscheint.  

Ich und der Artenreichtum  

Hier kommen der Balkon, die Fensterbank oder der größere Garten als Instrument des Einzelnen ins Spiel, Biodiversität zu fördern und Insekten zu retten. Dass einige Bienenpaten des Pütterhofs auch ihr schlechtes Gewissen über den eigenen Schottergarten beruhigen wollen, mag Willi Steffens nicht ausschließen. Der langjährig engagierte Nettetaler Naturschützer und Naturschutzhofmitbegründer Heinz Tüffers und die Leiterin des NABU-Naturschutzhofs Wiebke Esmann stellten Alternativen vor. 

Wildblumenwiese am Strohballenhaus © NABU-Naturschutzhof Nettetal

Tüffers erläuterte, wie man aus einem artenarmen englischen Rasen eine vielfältige, die Biodiversität fördernde Wildblumenwiese machen kann. Schon vor Jahrzehnten engagierte er sich zum Beispiel im Brachter Wald in der landschaftspflegerischen Entkusselung, um die Vielfalt der Insekten- und Pflanzenwelt zu fördern.  Dafür brauche man eine ähnliche Geduld wie für das Anlegen einer Wildblumenwiese. „Es reicht nicht, Saatgut auszustreuen und abzuwarten.“ Vielmehr müsse zunächst der Rasen vollständig entfernt werden. Man fräst ihn ab oder pflügt ihn und entfernt auch im die Wurzeln im Unterboden. „Sonst kommt in zwei Jahren wieder nur Gras raus“. Dann wird die Fläche glatt geharkt und das Saatgut eingesät. Für eine bessere Verteilung sollte es mit Sand oder Sägemehl gemischt werden. Nach der Aussaat wird die Fläche gewalzt und der Boden möglichst feucht gehalten. Nach ca. 6 – 8 Wochen ist eine erste Mahd erforderlich, damit sich das Saatgut entwickelt. Die Mahd sollte man bis zu acht Tagen liegen lassen, aber danach vollständig entfernen. Ab dem zweiten Jahr reicht es, die Wildblumenwiese Ende September/Anfang Oktober zu mähen und das Schnittgut vollständig zu entfernen. Wildblumenwiesen entwickeln sich besonders günstig auf nährstoffarmen Böden.  

Sie tragen dazu bei, die massiven Insektenverluste der letzten Jahre auszugleichen. Mit ihrer Studie zum Biomasserückgang der Insekten haben die Insektenkundler*innen des Entomologischen Vereins in Krefeld im Jahre 2017  die Weltöffentlichkeit aufgerüttelt. Wiebke Esmann spricht von einem Verlust von 75% zwischen 1989 und 2013. Dieser Verlust sorge für einen drastischen Rückgang der Biodiversität: „Es fehlen Bestäuber für Gartenpflanzen. Den Vögeln, Säugetieren, Reptilien und Amphibien wird Nahrung entzogen. Der Abbau organischen Materials – zum Beispiel - im Komposthaufen wird eingeschränkt.“ Ein Ausweg: Heimische Pflanzenarten in den Garten setzen, ihn abwechslungsreich und vielfältig mit vielen Blütenformen und –farben gestalten. Esmann empfiehlt Kornelkirsche, Salweide, Weßdorn oder Faulbaum, Stauden wie die Kugeldistel, der Wiesensdalbei, Ziest oder die Akelei, Heil- und Gewürzkäuter wie Zitronenmelisse, Oregano, Salbei, Thymian, Lavendel, Borretsch oder Schnittlauch.  

© NABU-Naturschutzhof Nettetal

Aber auch die Gartenpflege ist entscheidend. Ein insektenfreundlicher Garten sieht eher unordentlich aus, hat wilde Ecken aus Laub, einen Komposthaufen. Unter Hecken und Bäumen sammeln sich Blätter. Verblühte Pflanzen bleiben im Winter stehen. Esmann:“ Sie dienen den Insekten als Kinderstube. Es ist besser, erst im späten Frühjahr die trockenen Stängel abzuschneiden. Wer seinen Garten mit Wasserstellen, lebendigen Dächern, grünen Fassaden, Trockenmauern, Sandbeeten und Holzklötzen gestaltet, auf Chemieprodukte und Englischen Rasen verzichtet, handelt insektenfreundlich. Von den etwa 3700 Schmetterlingsarten seien die meisten nachtaktiv. Angelockt werden sie von Disteln, Flockenblume, Dost, Wegwarte oder Nachtkerze. Gutes Raupenfutter böten Brennnessel, Löwenzahn, Wegerich oder Wilde Möhre. Esmann stellt Nisthilfen für Wildbienen vor und fast zusammen: „Jeder kann etwas für Artenreichtum tun.“ Am effizientesten sei die Kombination verschiedener Maßnahmen.  

Der Grenzlandgrün-Abend und die Vorträge von Manuel Püttmanns boten dafür Anregungen mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden: Bienenpate werden, sich für eine Agrarwende stark machen, bewusst einkaufen, Wildblumenwiese anlegen, Transparenz in den Brüsseler Lobbyismus bringen, den eigenen Garten umgestalten, die Zusammenhänge von Raumordnungspolitik, Bodenspekulation und Biodiversität entschlüsseln, über Naturverständnisse und die Funktionsweise des Wirtschaftssystems nachdenken, Häuser und Dächer begrünen…und anstatt sich über Vollzugsdefizite zu beklagen sich an Willi Steffens orientieren: Machen und Lernen, Lernen und Machen, Machen lernen…