niederrheinisch - nachhaltig 


Montag, 1. Oktober 2018

Permakultur: Über Gartentugenden und Transformationsdesigns  

v.l. Sabine Mund, Wiebke Esmann, Harald Wedig

Sie ist ein Konzept aus den 1970ern und galt lange Zeit als eine etwas verschrobene Variante der ökologischen Landwirtschaft für Selbstversorger.  Heute werden ihre zukunftsweisenden Elemente für ein globales Transformationsdesign entdeckt. Der niederrheinische Landschaftsgärtner und Sozialarbeiter Harald Wedig (Jg. 1955) hat sie zu seinem Lebensthema gemacht. Jürgen Dahl, der neugierige Gärtner und Philosoph vom Niederrhein hätte seine Freude daran gehabt. Die Rede ist von der Permakultur. Sie beschäftigt sich in Theorie und Praxis mit der Kernfrage eines vernunft- und verstandesgesteuerten (Gärtner-) Lebens: Was können wir tun, dass die Ergebnisse unseres Handelns den Kriterien des größten Nutzens über die längste Zeit bei geringstem Aufwand genügen?
Antworten auf diese Frage liefern Theorie und Praxis der Permakultur. Sie wurde während der weltweiten Ölpreisschocks von Bill Mollison und David Holmgren in Australien entwickelt. Declan Kennedy, Margit Kennedy machten sie in Deutschland bekannt. Viele Multiplikatoren – unter Ihnen Harald Wedig – halfen Ihnen dabei und entwickelten Permakultur zu einer naturwissenschaftlich begründeten komplexen Handlungsanweisung für verantwortungsvolle Lebensweisen und zukunftsfähiges Gärtnern. In den VHS- Seminaren „Permakultur im Garten“ machten Harald Wedig, Wiebke Esmann (NABU-Naturschutzhof) und Sabine Mund (Permakultur Mönchengladbach) mit den Grundlagen der Permakultur vertraut. Sie fanden im April und September 2018 auf dem NABU-Naturschutzhof statt.

Wir befinden uns im Grenzland. Wir wissen nicht, wohin uns unsere gesellschaftliche Reise führt. Noch machen wir das, was unsere Vorfahren uns beigebracht haben. Doch die alten Fortschrittsideen eines wissens- und technologiegetriebenen Kapitalismus kollidieren immer häufiger mit der harten Realität der begrenzten natürlichen und menschlichen Ressourcen und Aufnahmekapazitäten. Globale Armut, Erderhitzung, individuell empfundener Zeitmangel, Burn out, Schottergärten und Bullshit-Jobs sind Symptome einer grundlegenden Krise.

Was haben wir? Was brauchen wir? Wie erreichen wir das?

Ob Garten oder Gesellschaftsdesign – für Harald Wedig ist es an der Zeit,  inne zu halten und Bilanz zu ziehen: „Was haben wir? Was brauchen wir? Wie erreichen wir das?“ Dabei geht es um die drei Nachhaltigkeitssäulen „Natürliche Lebensgrundlagen“ (Ökologie) – „faires gesellschaftliches Miteinander“ (Soziales) und ein „effektives und effizientes Verhältnis von Aufwand und Ertrag (Ökonomie). Gemeint sei jedoch eine andere Ökonomie als die heutige. „Heute gehe es um Akkumulation. Der Teufel scheißt auf den größten Haufen. Wir aber können Monopolisten von ihrer materiellen Last befreien. Wir lassen ihnen unser Geld nicht mehr zufließen. Deren Geld kann in eine faire Ökonomie des Teilens einfließen.“ Für den Gärtner bedeute dieses Prinzip, seine Erträge für andere zu öffnen und die guten Botschaften der Arbeitsteilung und natürlichen Sukzession nach außen zu tragen. Es gilt das Prinzip des Teilens und des wechselseitigen Bereicherns: Gärtnerinnnen und Gärtner, denen know how und Werkzeug fehlt,  können Kuchen backen und jemanden mit know how und Werkzeug zum Kaffee in den Garten einladen. 

Wedig hält nichts von Untergangsklagen. „Wir haben unendlich viele Möglichkeiten zu handeln.“ Permakultur beginnt beim Einzelnen, seinem Wohnen, seiner Ernährung. Es geht auch um nachhaltige Persönlichkeitsentwicklung: Verantwortung für sich und die Welt übernehmen, kooperieren, Lebenssysteme erhalten und gestalten (earth care), dafür sorgen, dass alle Menschen das bekommen, was sie für eine humane Existenz brauchen (People care), Konsum und Wachstum begrenzen, Abfall reduzieren, Überschüsse teilen (Fair Share). Gemeinsam mit der angehenden Permakulturdesignerin Sabine Mund erläutert Wedig die 12 Permakulturprinzipien. David Holmgren hat sie in seinem Buch „Permakultur“ ausführlich beschrieben. Der Blogger und Business Coach Thomas Rümele hat sie anschaulich zusammengefasst.

Humus bilden – Klima retten – Welt ernähren

Schon das erste Prinzip „Beobachte und interagiere“ hat es in sich. Grundlage des Verstehens ist das Beobachten. Damit erkennen wir Muster und Details. Besonders die biologische Welt ist voll davon. Gute Beobachtung ist die Quelle neuer Erkenntnis und Kreativität. Sie ermöglicht uns mit dem beobachteten Subjekt zu interagieren. Der Erfahrungsschatz unserer Beobachtung und Interaktion befähigt uns, behutsam in existierende Systeme einzugreifen und sie kreativ zu gestalten. Als Beispiel nennt Wedig die Humusbildung durch permakulturelle Wirtschaftsweise mit Pflanzenkohle, Agroforstsystemen, Gründüngung, Mischkultur. Er verweist auf die ägyptische Nachhaltigkeitsinitiative SEKEM und die französische Humusaufbauinitiative „4p1000“ und Regeneration international. Motto „Cool the planet – Feed The world“. Die Rolle der Böden für den Klimaschutz kann kaum unterschätzt werden.

Große Permakulturprojekte im Rheinland gibt es noch nicht.  Aber viele permakulturelle  Elemente, die Sabine Mund (Permakultur Mönchengladbach) „im Auge behält“: Ökotop Heerdt, Schloss Türnich, Permakulturhof Vorm Eicholz e.V., die Solidarische Landwirtschaft Eicken e.V., Gut Neuenhof in Kevelaer, der Permakulturgarten Sualmana in Swalmen, Tante LeMi/Eine Erde e.V. in Mönchengladbach, der Kleingarten-Verein Pesch in Mönchengladbach und viele weitere… - bis hin zum heimischen Balkonkübel mit Gartenkräutern. Getreu dem 9. Permakulturprinzip: Nutze kleine und langsame Lösungen.

Auch im Nettetaler Naturschutzhof hat’s entsprechend angefangen: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des VHS-Seminars pflanzten unter Anleitung von Harald Wedig und Wiebke Esmann einen Pfirsichbaum in einer permakulturellen Obstbaumlebensgemeinschaft. Das Nettetaler Gelände umfasst 2 Hektar und gehört neuerdings zum BNE-Landesnetzwerk NRW. Flächen für weitere praktische Permakultur-Aktivitäten sind vorhanden… 

Freitag, 5. Mai 2017

Heilsames Gartenglück als Zukunftslabor für eine postfossile Welt?   

v.l. Sabine Mund, Manfred Böttcher, Claudia Schlangen, Dorothée Reuther

Die Zeit der manchmal als etwas kleinkariert und pingelig belächelten Hobbygärtner Rasenfreunde und Rosenzüchter scheint zu Ende zu gehen. Der “Grenzlandgrün-Abend” mit Sabine Mund (Permakultur Mönchengladbach), Dorothée Reuther (Projekt Josefsgarten) und Claudia Schlangen (Kleingar-tenverein Pesch 1916 e.V.) machte deutlich: Aus dem klassischen Gärtnern entwickelt sich derzeit ein avantgardistisch angehauchtes Urban Gardening, das  nicht nur den Akteuren selbst zu einem guten und gesunden Leben verhilft.  Selbst das oft als spießbürgerlich gebrandmarkte Kleingartenwesen verändert sich allmählich in diese Richtung. Der eher urbane Trend zu vielfältigem Grün, neuen Gemeinschaften und Selbstversorgung steht im Kontrast zur agrarindustriellen Monokultur im ländlichen Raum.

Die Szene ist vielfältig: Michelle Obamas Küchengarten am Weißen Haus, die Internationalen Gärten in Göttingen, die Berliner Prinzessinnen-Gärten, Aquaponic in Dortmund, Essbare Stadt Andernach oder die “Mundraub”-Plattform sind prominent. Aber auch im niederrheinischen Grenzland gibt es Beispiele für die neue Gartenwelle: Die Berg Garten Oase und der  Allerweltsgarten in Mönchengladbach, der Oedter Gemeinschaftsgarten, der Viersener Josefsgarten, der Heimatgarten Rheinhausen oder der kürzlich geschlossene Margarethengarten des Waldhaus12 e.V. 

Die  neuen gemeinschaftlich orientierten Gärten sind im Internet vernetzt: anstiftung.de, stadtacker.net, urbaneoasen.de.

Essbare Stadt und Josefsgarten

© Dorothée Reuther

Und es wird offenbar mehr. Die  Viersener SPD-Fraktion hat erfolgreich Urban Gardening für die Kreisstadt  beantragt. Am Josefsring wird demnächst ein Kosmeen-Streifen auf Hochbeete hinweisen, die auf der Grünfläche am Josefsgarten angelegt werden sollen.  Der grüne Ratsherr Jeyaratnam Caniceus möchte auch aus Kempen eine “Essbare Stadt” machen. Allerdings: am Rande des Grenzlandgrün-Abends wurde auch deutlich, dass sich “top down – Projekte” auf Dauer schwerer tun als “bottom up – Initiativen, die bei entsprechender Unterstützung die Kontinuität eines Projektes gewährleisten können.

Ein top-down Projekt mit wachsender bottom up – Unterstützung ist der Viersener Josefsgarten. Seit einem Jahr verbindet  die Pädagogin Dorothée Reuther das Übergangsmanagement zur Berufsorientierung für Flüchtlingskinder mit ihrer Leidenschaft für Garten, Natur, Kräuter und Waldheilung und sorgt für den Aufbau des Gemeinschaftsgartens am Josefsring. Dank der Unterstützung durch das Förderprogramm “Soziale Stadt” und anderer Abteilungen der Stadtverwaltung, der Kooperation mit der SBH Viersen, demIB Viersen und der Kreis- VHS gewinnt das Projekt “Josefsgarten” an Schwung. Der “Stadt-Spiegel” berichtete ausführlich von der diesjährigen Saisoneröffnung. Die Parzellen sind mittlerweile vergeben. Die Urban gardening- Flächen werden aber in Kooperation mit einem Kleingartenverein erweitert. Wer noch mitmachen möchte, kann sich direkt bei Dorothée Reuther  (Dorothee.Reuther@viersen.de, Tel. 0151/58068532) melden.   

Der Josefsgarten wird sich ab Juni an "Viersen blüht" und im Juli an der "Offenen Gartenpforte" beteiligen. 

Landlust und die globalisierte Plünder- und Plundergesellschaft

© Hans Braxmeier - Pixabay.com

Die erstaunliche Erfolgsgeschichte des neuen Gärtnern ist eingebettet in eine wiederentdeckte Lust auf Land, Natur und alte Handwerkstechniken. Mit Outdoormode, Upcycle-Produkten oder Außengastronomie ist Geld zu verdienen. Selbst am eher beschaulichen Niederrhein gibt es Repair-Cafés, Urban knitting und guerilla gardening. Eine der erfolgreichsten Zeitschriften heißt „Landlust“. Quotenrenner sind Fernsehsendungen wie  “Bauer sucht Frau” oder “Land und Lecker”. “Trimm Dich” ist out, aber “Outdoor-Fitness” ist in.  Aktuelle Forschungen und Betrachtungen zur heilsamen Natur bestätigen mittlerweile, was unsere Großeltern schon wussten:  Waldspaziergänge oder das Gärtnern wirken sich positiv auf die körperliche und psychische Gesundheit aus.  Die neuen Garten- Akteure selbst empfinden Entschleunigung,  sinnliche Befriedigung und ein “Regroundig” – ein sich selbst erden durch Gartenarbeit und Gemeinschaftserlebnisse. Dorothée Reuther schilderte beim Grenzlandgrün-Abend eindringlich, wie ihr Naturerlebnisse aus einer persönlichen Krise heraushelfen konnten.

Sozialforschungsinstitute wie  Sinus Sociovision stellen seit der Finanzkrise 2008/2009 eine Orientierung weg vom Wettbewerbs- und Konkurrenzdenken hin zu Verlässlichkeit, Struktur,  Solidarität, Heimat und Familie fest. Generation What: Junge Erwachsene warten offenbar europaweit nicht mehr darauf, „dass die Krise aufhört“. Anstatt  auf einen sicheren Job in einer großen Firma zu hoffen,  nehmen sie die Sache in die Hand und erfinden neue Lösungen, neue Jobs, und manchmal sogar andere Lebensstile. Die neue – auch von vielen jungen Menschen getragene -  Gartenbewegung gibt sich echt, ursprünglich, entschleunigt und bodenständig. Sie befriedigt offenbar die Suche nach einer auf individuellen Idealen basierenden Gemeinschaft als Gegenpol zur komplexen digitalisierten Welt.

Daher  wird in der Szene auch heftig politisiert.  Viele der Urban Gardener sehen sich als Antwort auf drängende Probleme einer globalisierten Plünder- und Plundergesellschaft, als Teil der Commons-Bewegung, als Experimentierraum für ein gutes Leben in der Stadt oder  als Zukunftslabor für eine nachhaltige postfossile Gesellschaft,  in der sich passive Konsumenten zu aktiven Produzenten des eigenen Lebens gewandelt haben.  Motto “Eine andere Welt ist pflanzbar“. Auf kommunaler Ebene wenden sie sich die neuen Gärtner*innen gegen die Kommerzialisierung und Privatisierung des öffentlichen Raums, Motto „Die Stadt ist unser Garten.“  Auch “Guerilla Gardening”  gehört dazu. Auf seinem Blog “attensaat”  gibt der Kempener Marcel Rau “10 Tipps für angehende Guerilla Gärtner” . Mit dem Gärtnern aus kulturanthropologischer Sicht beschäftigen sich Studierende der Universität Bonn im Rahmen eines Lehrforschungsprojekts. Ihre lesenswerten Forschungsergebnisse  sind im Blog Gartenkultur aufbereitet. Kleingarten.

 Permakultur und die Nachhaltigkeitsphilosophie

© / Quelle Sabine Mund

Der Blog geht auch auf das Konzept der Permakultur ein. Dessen Grundzüge  stellte Sabine Mund in ihrer VHS-Grenzlandgrün-Präsentation anschaulich dar. Entwickelt wurde das Konzept in Australien von Bill Mollison, dem im September 2016 verstorbenen Träger des Alternativen Nobelpreises, und von seinem Schüler David Holmgren. Permakultur ist eine Abkürzung für permanente Agrikultur, also eine dauerhafte Garten- und Landwirtschaft. Harald Wedig, ehemaliger Dozent der VHS Viersen, pflegte seine Süchtelner oder Swalmener Permakultur-Seminare in 1990er Jahren ironisch mit dem Satz „Permakultur ist Gärtnern für Faule“ einzuleiten. Ulrike Meißner (Permakultur Akademie) machte im Jahre 2012  in einer in der Zeitschrift Oya  veröffentlichten „Wissensexkursion Permakultur" deutlich, dass Permakultur wesentlich mehr ist als eine andere Art des Gärtnerns.    

In der Tat: Sabine Mund betont, dass sich Permakultur zu einer grundlegenden nahezu alle Bereiche des Lebens umfassenden Philosophie entwickelt hat.: „Deren Leitbild sind die drei permakulturellen Grundprinzipien

  • Earth Care – Sorge für die Erde
  • Peoplecare – Sorge für den Menschen
  • Fair share – teile und wirtschafte gerecht.“  

Das nebenstehende Bild, das sie mit Permakultur assoziiert, hat ihr Vater aus einer Kindheitserinnerung heraus vor einigen Jahren malen lassen. Es zeigt Handarbeit, einfache Technik und Gemeinschaft. Neben den gemeinschaftlich orientierten Gärten zählt Sabine Mund daher auch kleine Balkongärten oder unterschiedlichste Initiativen und Projekte zur regionalen Permakulturszene des Grenzlands wie zum Beispiel: 

Die Höfe der Bioregion Niederrhein bieten enormes Potential für Permakultur und Raum für Seminare zu dieser Lebensweise. Deutschlands größter Bio-Großhandelsbetrieb „Lehmann Natur“ ist nicht nur regional sondern global tätig und betreibt  im spanischen Andalusien eine 220 Hektar umfassende Permakultur-Finca. Im Februar 2017 zeichnete die TAZ ein Porträt des umtriebigen Firmengründers. Viele Agrarökonomen stehen seinen Aktivitäten skeptisch gegenüber, doch sein junges Team ist von der Zukunft der Permakultur-Idee überzeugt, wie zwei seiner Mitarbeiterinnen beim Grenzlandgrün-Abend mit anregenden Schilderungen aus dem „Lehmann-Alltag“ belegen konnten.

Permakultur im Kleingartenverein 

© Claudia Schlangen

Selbst einen über 100-jährigen Kleingartenverein aus Mönchengladbach rechnet Sabine Mund mit zur permakulturellen Bewegung. Warum das so ist, machte Claudia Schlangen in  ihrer Präsentation deutlich. Sie ist seit 10 Jahren Mitglied im Mönchengladbacher Kleingartenverein Pesch 1916 und seit März 2016 dessen Vorsitzende. Der Verein umfasst 55 Gartenanlagen, die von Menschen aus 10 Nationen aus allen Altersgruppen bewirtschaftet werden. Die Pacht ist günstig (21 ct/m² im Jahr), die Anlage mit eigenem Spielplatz ist kinderfreundlich und autofrei, beliefert die Mönchengladbacher foodsharing-Inititative,  trägt das Fair-Trade-Siegel (für den ausgeschenkten Kaffee, Tee, Orangensaft) und beherbergt den veganen Stammtisch in Mönchengladbach.  Der Austausch zwischen erfahrenen Gärtnern und Neu-Einsteigern funktioniert gut. Claudia Schlangen plant weiter: aus einem alten Briefkasten wird ein Upcycling-Projekt zur Prospektausgabe. Ein Bienenschaukasten und ein Wasserrad werden demnächst in Betrieb genommen. Die Bepflanzung soll noch bienenfreundlicher werden. Der Strom kommt demnächst aus erneuerbaren Quellen. Der Grenzlandgrün-Zuhörer spürt: Claudia Schlangen hat Spaß am Schrebergarten. Sie, die als Kind einer kleinbäuerlichen Familie auf dem Dorf groß geworden ist, hat die unfair vergütete Arbeit in der Landwirtschaft hautnah kennengelernt. Auf Nachfrage bestätigt sie: „Nein zurück ins Dorf möchte ich nicht. Ich habe jetzt mein kleines Dorf in der Stadt.“ Als Gesundheits- und Ernährungsberaterin weiß sie die gesundheitlichen Vorteile des eigenen Gemüses, der übersichtlichen Gemeinschaft und der Erholung im Grünen zu schätzen. Dabei braucht sie auf die Vorteile des Stadtlebens nicht zu verzichten, denn ihre grüne Oase liegt in der Großstadt.   

Teufelsmaschine und Graswurzelbewegung 

© Harald Wedig - Permakulturgarten in Swalmen

Vieles an der neuen Gartenbewegung ist anders als bei den Lebensreformern der 1920er oder bei den Landkommunen und der Graswurzelbewegung der 1970er. Das „Zurück aufs Land“ hat offenbar ausgedient. Die „Landlust“-Idylle wird vorwiegend im städtischen Raum realisiert. Das Stadt-Land-Verhältnis justiert sich neu, aber der Wunsch nach Gemeinschaft, Gesundheit und unmittelbarem Erleben bleibt. Daher sollte die Regionalpoltik auf ein Stadt-Land-Kontinuum achten, damit der ländliche Raum als Kontrast zur  neuen grünen Urbanität am Ende nicht nur aus Geschäftsleerständen, Windrädern, Pendlersiedlungen, Großställen und ausgeräumten Agrarlandschaften für die konventionelle Nahrungsproduktion besteht. Oder wie eine Teilnehmerin mit dem Hinweis auf den Film “Bauer unser” bemerkte: “Im Hunsrück haben die Dörfer mehr Schweine als Menschen.”

Das neue urbane Gärtnern mit seiner vielfältigen vorwiegend manuellen Kultivierung kleiner Flächen, seiner Orientierung an Gemeinschaft,  am guten Leben und der virtuellen Vernetzung ist sicher keine realistische Alternative zur ländlichen großflächigen monokulturellen Landwirtschaft. Aber es schafft neue Möglichkeitsräume für ein authentisches und gesundes Leben.  Es wirkt dem Naturdefizitsyndrom entgegen, entkommerzialisiert öffentliche Flächen und eignet sich die Raumplanung neu an.

Davon können auch die “Landeier” profitieren. Im Vorfeld des Grenzlandgrün-Abends gab es eine kleine Kontroverse zum Begriff “Protestgemüse”. Zu Recht, denn eins wurde deutlich: Den drei Referentinnen geht es nicht um Protest. Sie wollen  gemeinsam mit anderen Interessierten Dinge einfach anders und nachhaltiger machen.

Und das ist nicht wenig angesichts der gegenwärtigen Ratlosigkeit im Zeitalter des “stahlharten Gehäuse der Hörigkeit” oder der “Teufelsmaschine” wie  der Soziologe Max Weber eine auf wirtschaftliches Wachstum und Rationalisierung ausgerichtete Gesellschaft umschrieb.  In ihr droht aus Heimat ein Standort im globalen Konkurrenzkampf, aus dem  Parlament  ein “Notariat für die Investorenimperative” (Mathias Greffrath) oder aus der Familie ein Ort zur Aufzucht von Humankapital  zu werden. Das Kultivieren eines Gemüsegartens auf öffentlichem Grund ist dazu eine Alternative, ein Ausbruch aus dem Weberschen Gehäuse, ein Stück Instandbesetzung  des eigenen und des gesellschaftlichen Lebens. Veränderung entsteht schließlich nicht durch Gemoppere oder  lautstarken Protest sondern durch die, die “es einfach machen”…  

© Wolfgang Eckert - pixabay.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 


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